Mein Name: Emilie Wüstenfeld.

Ich wurde am 17. August 1817 in Hannover als drittes Kind des Kaufmannes W. E. Capelle geboren. Meine bürgerliche Erziehung bot Grundsätze und Möglichkeiten, die mein Leben entscheidend prägten. Da mein Vater früh starb (1822), wurden ich und meine jüngere Schwester Pauline vor allem von unserer Mutter erzogen, die neben uns vier Kindern auch noch das Geschäft mitzuführen hatte. Sie legte Wert auf soziale und häusliche Pflichten und schickte uns auf die Bürgerschule. Außerdem durften wir Zeichnen, Musik und Fremdsprachen im Privatunterricht erlernen. Bezüglich unserer Freizeit war unsere Mutter durchaus offen und freisinnig, natürlich stets im Rahmen des Schicklichen. Wahrscheinlich hat mir meine Mutter viel von dem Wunsche, wohltätig zu sein, und viel von der Zähigkeit, auch in schwierigen Verhältnissen das Beste zu schaffen, mitgegeben. Auch viel Praktisches habe ich von ihr gelernt. Deshalb denke ich auch, daß es sich keine Frau, sei sie noch so reich, leisten kann, nichts von der Haushaltsführung zu verstehen.

Mit 24 Jahren heiratete ich Julius Wüstenfeld, einen angesehenen Kaufmann; gemeinsam zogen wir nach Hamburg. Bis zum großen Brand 1842 lebten wir in der Katharinenstraße, nach der Geburt meiner ersten Tochter dann am Holländischen Brook Nr. 15. 1854 kam mein Sohn Julius auf die Welt, später dann noch meine zweite Tochter. Im Laufe der vierziger Jahre lernte ich durch die vielfältigen internationalen Geschäftskontakte meines Mannes sehr interessante Menschen kennen, u. a. Berta Traun, die sich für die Deutsch-Katholiken begeisterte - unter ihnen der bekannte Pfarrer Johannes Ronge. Mich hatte die Religion schon immer angesprochen, aber erst jetzt fand ich wirklich etwas, wofür es sich zu kümmern lohnte, denn die Deutsch-Katholiken waren sowohl christlich als auch demokratisch motiviert. Zu ihrer Unterstützung und auch für die Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung gründeten meine Schwester Berta und ich zusammen mit Amalie Westendarp und Charlotte Paulsen 1848 den „Socialen Verein Hamburger Frauen zur Ausgleichung konfessioneller Unterschiede" (kurz den Socialen Verein).

Bei der Feier des Emanzipationsdekrets im März 1849 beschlossen wir die Gründung eines allgemeinen Bildungsvereins deutscher Frauen in Hamburg. Sein Ziel war es, durch humane Bildung und Erziehung Frauen und Mädchen zum Bewußtsein ihrer Würde zu reifen und mit freier Selbstbestimmung das geistige wie äußere Wohl der Menschheit zu fördern. Ein hoher Anspruch, ich weiß, aber er blieb nicht nur Theorie! Unsere Idee war es, eine Hochschule für das weibliche Geschlecht zu gründen, in der Frauen eine wissenschaftlich fundierte Berufsausbildung mit Praxisbezug erhalten konnten, die sie in ihrer Selbständigkeit stützen und zur Ausübung ihrer sozialen Berufung befähigen sollte. Mein Wunsch war es, den Schweizer Pädagogen Karl Fröbel für die Leitung zu gewinnen.

Mit Hilfe finanzieller Einlagen unserer Ehemänner bzw. Spendeneinnahmen konnte am 1. Januar 1850 die Hochschule für das weibliche Geschlecht mit einem umfangreichen Angebot an Kursen, d. h. einer wirklich wissenschaftlich fundierten Lehrerinnen- und Kindergärtnerinnenausbildung am Holländischen Brook die Pforten öffnen. Es gab allerdings kaum Unterschichtsschülerinnen. Die wenigen „Freistellen", die wir über die Mehrzahlung von betuchteren Schülerinnen schufen, konnten sich auch nur die erlauben, die nicht selbst ihren Broterwerb ausüben mußten. Man muß jedoch bedenken, daß erstens das Recht auf höhere Bildung bei eben diesen Frauen bisher nicht gegeben war und wir ja zweitens unsere Schülerinnen zum Zwecke der Humanität und für soziale Aufgaben ausbilden wollten. Es wurde gespottet, dies sei niemals eine Hochschule, vergleichbar der Universität der Männer. Nur weil das Niveau weiblicher Bildungsanstalten so niedrig sei, wäre der Name passend. Eben dies aber zeigt doch das ganze Ausmaß der Misere!

Berta heiratete übrigens gleich nach ihrer Scheidung 1851 Johannes Ronge - ich habe sie dafür bewundert und hätte es ihr gerne gleichgetan. Doch das Pflichtgefühl gegen meine Familie war zu stark, obschon mich mit meinem Gatten kaum mehr verband als eben diese heilige Pflicht. So wie Berta aus Liebe zu heiraten, das war revolutionär und imponierend. Unserer Hochschule aber hat ihr persönlicher Schritt geschadet, wobei ich das Berta nicht vorwerfe. Es ist vielmehr die Schuld der bigotten Spendengeber, die plötzlich meinten, wir hätten gar zu freisinnige Ansichten. Und auch der kirchliche, dieser orthodoxe Einfluß, Kräfte, die unsere Ambitionen verunglimpften und dadurch die Finanzierung gefährdeten, spielten eine Rolle. Besonders hart traf uns aber das Verbot der Fröbel'schen Kindergärten durch den reaktionären preußischen Kultusminister im August letzten Jahres. Die Armenschule und Bewahranstalt für Kinder, die Charlotte Paulsen und ich ins Leben gerufen hatten, mußte ebenfalls vergangenes Jahr schließen. Am Ende standen Polizisten vor der Armenschule, um die Kinder und Eltern nicht mehr hineinzulassen.

Ich habe im Sommer diesen Jahres meine Wegbegleiterinnen in London besucht. Bertas Schwester hat dort gerade Carl Schurz geheiratet, den badischen Kämpfer. Sie wollen vielleicht nach Amerika gehen. Die Londonreise hat mich ein bißchen abgelenkt von den schlimmen Tagen der Schließung unserer Hochschule am 1. April 52. Nun heißt es aber weiterzuarbeiten, es gibt noch so viel zu tun! Vielleicht läßt sich am heutigen Abend ja etwas mit den anderen Gesprächsteilnehmern vereinbaren?!