Bekannt bin ich wohl einigen als der Verleger von Heinrich Heine und, das darf ich bei aller Bescheidenheit hinzufugen, derjenige, der den Hoffmann-und-Campe-Verlag zu einem stabilen, wirtschaftlichen Erfolg geführt hat.
Ich habe den allergrößten Teil meines bisherigen Lebens in Hamburg gewirkt, bin aber zunächst 1792 im Braunschweigischen geboren, und zwar als das 15. Kind des Advokaten und Justitiars Heinrich Campe und seiner Ehefrau. Mein Vater starb, als ich vier Jahre alt war; er hinterließ die Familie in großer materieller Enge. Ein Onkel nahm sich meiner an - übrigens der Lehrer Humboldts -, ein Mensch mit sehr eigenen Ideen von der Bildung der Jugend. Er kam mit meinen älteren Brüdern überein, daß ich eine praktische Ausbildung im Buchhandel erhalten sollte. Und so begann ich mit dreizehn Jahren bei meinem Halbbruder August Campe eine Buchhändlerlehre in Hamburg. Über diese Lehrjahre will ich nichts weiter berichten, als daß sie sehr hart waren, auch, wenn ich mit meinem Lehrherrn verwandt war.
Mit 19 ging ich als Gehilfe nach Berlin; ich wollte weiter lernen und die Welt sehen, in jeder Hinsicht Erfahrungen machen. Meinen beruflichen Werdegang habe ich allerdings für einige Jahre unterbrochen, um im Freiwilligen-Korps für den preußischen König und die nationale Einigung und Freiheit zu kämpfen. Diese Zeit ist mir immer wichtig geblieben.
1819 kehrte ich nach Hamburg zu meinem Bruder zurück, aber unsere Zusammenarbeit im Verlag war sehr unerquicklich. Ich will dazu nur anmerken, daß seine hanseatische Behäbigkeit mich zu sehr eingeengte, ich vermißte bei ihm einfach geistige Kampfbereitschaft und wirtschaftlichen Wagemut. 1821 machte ich mich daher erst einmal auf nach Italien, wo ich zwei Jahre verbrachte und Kontakte zu deutschen Künstlern aufnahm, die meinen Horizont erweiterten und meinen Geist prägten.
Zurückgekehrt nach Hamburg wurde mir schnell klar, daß ich selber Verleger werden wollte, geschäftlich getrennt von meinem Bruder. Ich zahlte ihn über zehn Jahre lang aus und übernahm den Hoffmann-und-Campe-Verlag in Alleinregie. Herr Hoffmann, meines Bruders Schwiegervater, war ja schon einige Jahre zuvor verstorben. Ich war gut auf dieses Geschäft vorbereitet und wußte, was ich wollte: junge, fortschrittliche, national-freiheitlich gesinnte Autoren veröffentlichen und fördern, also Literaten, die in ihren Schriften ein neues Deutschland, ein Junges Deutschland entwarfen. Aber ich wollte natürlich auch wirtschaftlichen Erfolg, neue Werbe- und Vertriebsstrategien ausprobieren, und dabei ein ehrlicher Kaufmann bleiben. Bis zum heutigen Tage ist mir das auch gelungen, ich habe nie Kredite aufgenommen oder Zinsen für geliehenes Geld bzw. Vorschüsse genommen, was bei den jungen Literaten - das kann ich Ihnen sagen! - sehr, sehr oft vorkommt!
Nebenbei, ich war dem Stande nach gar kein Kaufmann, sondern Kleinhändler, da ich meine „Ware" ja in einem Laden verkaufte. Heute spielt das keine große Rolle mehr, denn ich bin ein erbgesessener Bürger, ein angesehener Kaufmann und Verleger. Und 1848 wurde ich für die linken Demokraten in die Hamburger Konstituierende Versammlung gewählt, aber... dazwischen liegen 20 Jahre Kampf gegen die Pressezensur, meine Arbeit mit Heine und, das darf ich wohl sagen, unsere freundschaftliche Beziehung, trotz vieler Auseinandersetzungen über Honorarfragen und Ablieferungstermine. Letztes Jahr im Sommer habe ich ihn in Paris besucht und damit einen Schlußstrich unter unser Zerwürfnis gezogen. Ich habe die Kränkung über sein Nichterscheinen zur Taufe meines einzigen Sohnes Julius mittlerweile überwunden, und wir haben uns wieder glänzend verstanden.
Ach, Sie wollen auch noch mehr Privates über mich erfahren? Na, da gibt es nicht soviel zu berichten. Ich bin ja ein vielbeschäftigter Mann, arbeite an Sonn- und Feiertagen, im Schnitt immer 15 Stunden, unten in meinem Laden und Büro. Ich habe vier teure und fleißige Angestellte, und das bißchen Zeit, das mir bleibt, verbringe ich im Schöße der Familie, mit meiner jungen Frau, dem sechsjährigen Filius und den beiden erwachsenen Töchtern aus erster Ehe mit Magdalena Bühring (ob sie wirklich mit dem hier heute anwesenden Carl Johann Bühring verwandt war, ist mir nicht bekannt, sie selber kam jedenfalls aus dem Dithmarscher Land). - Ja, ja, Sie haben Recht, die älteste Tochter Mathilde ist als eheliche Tochter von meiner ersten Frau lediglich formal angenommen worden, sie ist nicht ihre leibliche Mutter. Es stimmt auch, daß meine beiden Gattinnen aus dem einfachen Volke stammen, ich brauchte von meinen Frauen keine Mitgift. Sie haben mich auch immer in der Auffassung unterstützt, sich lieber ein Leben lang von Brot und Salz zu ernähren, als einem Mächtigen zu Kreuze zu kriechen. So, jetzt ist genug räsonniert.
Nun bin ich auf den Abend gespannt. Ob mein Projekt eines Revolutions-Almanachs bei den Gästen wohl auf Interesse stößt?