Meine Berufung? Oh, ich würde sagen, ich war Freiheitskämpferin, Frauenrechtlerin und Schriftstellerin. Und heute? Schwer zu sagen...
Geboren bin ich am 26. November 1814 in Groningen bei Halberstadt, und zwar als jüngste Tochter von insgesamt fünf Kindern des Konsistorialrats und Superintendenten Dr. Johann Gottfried Hoche und seiner Frau Louise Charlotte Berning. Meine Eltern, sie eine Gräfin, er ihr Hauslehrer, haben aus Liebe geheiratet.
1835 habe ich dann das erste Mal geheiratet, Samuel Aston, einen Engländer aus Südwales und Gründer der ersten Magdeburger Maschinenfabrik. Seitdem lege ich Wert darauf, Lady Aston genannt zu werden. Aber sonderlich viel Glück habe ich in dieser Ehe nicht erfahren, er war damals immerhin mehr als doppelt so alt wie ich. 1840 kam es zu einer Zivilscheidung, was nach dem „Code Napoleon" in Sachsen-Anhalt möglich war. Wütend war ich jedoch darüber, daß die Herren Richter mir meine Tochter Jenny wegen eines angeblich allzu freien Lebenswandels absprachen. Sie wurde sterbenskrank, und in dieser Situation sind Samuel und ich uns wieder nahegekommen. Aber mein erstes Kind starb dennoch 1841. Nur wenige Wochen später habe ich meine zweite Tochter, ebenfalls Jenny Louise getauft, empfangen. Noch im gleichen Jahr haben wir wieder geheiratet. Aber auch dieser zweite Anlauf endete im Fiasko - 1844 habe ich Samuel Aston endgültig verlassen. Meine dritte Tochter starb im Scheidungsjahr 1844.
Jenny und ich ließen uns nun in Berlin nieder. Dort wollte ich endlich mit dem Schreiben anfangen. Inspiriert haben mich solche Menschen wie der kämpferische Otto von Corvin, der freisinnige Dichter Rudolf von Gottschall und insbesondere auch der anarchistische Philosoph Max Stirner. Seine Frau zählt übrigens zu meinen engeren Freundinnen. Mit Franz Anneke stehe ich brieflich im Kontakt, über ihn auch mit Mathilde Franziska von Taboullet, beide aufrechte Demokraten.
1846 hatte ich mein erstes Werk in Händen. Der Band „Wilde Rosen" enthält zwölf Gedichte, in denen ich das bereits zu Hause erfahrene Ideal einer unbedingten Verpflichtung zu persönlicher Liebe lyrisch gestalten konnte. Immerhin bestehe ich auf das Recht der freien Entscheidung zu wechselnder Partnerwahl immer dann, wenn sich das Gefühl der Liebe einstellt. Ich glaube, daß ich nicht nur in diesem Gedanken den Emanzipationsvorstellungen von George Sand sehr verbunden bin. Aber der bürgerlichen Männerwelt war das Buch offenbar zu heikel. Ich wurde im März 1846 doch tatsächlich aus Berlin ausgewiesen - wegen „Ansichten, welche der bürgerlichen Ruhe und Ordnung gefährlich" seien, aber auch wegen meines Auftretens in Männerkleidung und des „frivolen und außergewöhnlichen Benehmens" in öffentlichen Restaurants. Wahrscheinlich warfen sie mir damals auch vor, daß ich den „Club emanzipierter Frauen" gestiftet habe. Ich wendete mich damals mit meiner Broschüre „Meine Emancipation, Verweisung und Rechtfertigung" - sozusagen in letzter Instanz - an das deutsche Volk, um den Skandal öffentlich zu machen.
Von Berlin bin ich nach Hamburg gegangen, wo noch 1847 mein Roman „Aus dem Leben einer Frau" gedruckt wurde. Ich habe darin meine eigenen, negativen Erfahrungen mit Samuel Aston, sein Wirken als Fabrikbesitzer, das fade Leben und die Ausbeutung der Arbeiter literarisch beschrieben. Ja, gegen die Ehe habe ich polemisiert, zumindest gegen eine solche Gemeinschaft von Mann und Frau, in der nicht die gegenseitige Liebe im Mittelpunkt steht. Aber viele haben mich nicht verstanden. Berlin 1846 und Hamburg 1847 hatten einfach nicht die gleiche „moralische Offenheit", die Klasse, wie das Paris beispielsweise von 1832, als meine geliebte George Sand ungehindert ihren Roman „Indiana" publizieren konnte. Auch die hamburgischen Spießer verwiesen mich letztendlich ihrer Stadt.
1848 nutzte ich die Wirren der Märzrevolution, um nach Berlin zurückzukehren. Ich wollte dabei sein, ich wollte helfen, und so habe ich mich gleich im April als Krankenschwester bei den Berliner Freischärlern gemeldet, die die Ende März 1848 in Kiel proklamierte provisorische schleswig-holsteinische Regierung gegen die Dänen verteidigen wollten. Leider ist unser v. d. Tannsches Freikorps Anfang Mai 1848 wieder aufgelöst worden. Aber hier lernte ich meinen heutigen Ehemann kennen, den zwei Jahre jüngeren Arzt Dr. Daniel Meier. In ihm fand ich einen Menschen, der als Mann die volle Gleichberechtigung der Frau anerkennt. Ein Streifschuß an der Hand und die damit verbundene Krankenruhe sorgte für die Zeit und Muße, den Roman „Lydia" (1848) zu vollenden. Darüber hinaus entwickelte ich die Grundideen zu dem Buch „Revolution und Conterrevolution" (1849), in dem ich mit der Romanfigur Alice einen neuen Frauentypus, den der aktiven Vormärzlerin schuf.
Ab Herbst 1848 war ich wieder in Berlin und ging gleich daran, meinen Beitrag zur Rettung der Revolution zu leisten. Immerhin sieben Ausgaben der von mir redigierten Wochenzeitung „Der Freischärler" erschienen bis Dezember 1848. Es kam, wie es kommen mußte: Ich wurde aus der Preußen-Metropole ausgewiesen. Versuche, erneut in Hamburg, aber auch in Leipzig und Breslau, Fuß zu fassen, scheiterten, fortschrittliche Männer und Frauen waren jetzt vogelfrei...
Nach einer längeren Erholungsphase im französischen Seebad Trouville bin ich dann zu Daniel Meier nach Bremen gezogen. Wir heirateten im Jahre 1850 - und bis heute denke ich, daß darin neben meiner inniglichen Zuneigung zu diesem Mann auch die tiefe Enttäuschung über die politischen Verhältnisse in Deutschland zum Ausdruck kommt. Seitdem habe ich mich stark vom Kampfe zurückgezogen und auch das Schreiben nahezu eingestellt. Um so mehr hat mich die Einladung von Herrn Campe zu einem literarischen Quartett überrascht. Aber wer weiß, vielleicht kann ich ja an alten schriftstellerischen Erfolgen anknüpfen?!